Queer und nicht allein

 

1988 – der Rauswurf

 

 

Du bist die Strafe Gottes!“ schrie sie schrill auf mich mit einem solch hasserfüllten Blick herab, dass ich, bereits am Boden, zwischen all den Glasscherben der Wohnzimmertür liegend, nicht wusste, was gerade geschehen war. Meine Mutter hatte dunkelrot gesehen und meinem Vater die Order gegeben, auf mich einzuschlagen, um die „Schande“ aus mir raus zu prügeln. Beim Versuch, mich vor seinen Ohrklatschen zu schützen und auszuweichen, gab es plötzlich diesen zu heftigen Schubs.

 

Ich lag da in diesem Alptraum, unfähig zu denken und nicht wissend, was der Auslöser gewesen war, der dazu geführt hatte, dass die Situation völlig unangekündigt eskalierte. Mein Vater und meine Mutter zogen mich gemeinsam vor die Haustür, warfen mir noch einen leeren Koffer und ein paar Kleidungsstücke hinterher. „Verschwinde!“ waren ihre letzten Worte, dann schloss sich die Tür. Sie wussten über mich „Bescheid“ war ich mir sicher.

 

Mein Vertrauenslehrer war der einzige Mensch auf der Welt, dem ich mich bislang als „schwul“ offenbart hatte. Die Möglichkeit, mich vor der Familie zu outen, würde nicht in Frage kommen, das hatte ich ihm schon wenige Wochen vorher erklärt. Aus Sicht meiner streng katholischen Eltern verkörperte ich die „Sünde“. Für Schwule hatte Gott keinen Platz vorgesehen. Dennoch unternahm mein Lehrer alles, um mich und meine Eltern zu einem (leider) letzten Gespräch zusammen an einen Tisch zu bringen.

„Schwule bringen AIDS“ so ihr Denken, dass sie mit präsentierten Flyern der Kirche gestärkt, auch noch „schwarz auf weiß“ meinem Lehrer unmissverständlich vorhielten.  Eine Rückkehr in die Familie war zunächst ausgeschlossen. Sein Versuch der Klärung war nun endgültig gescheitert.

 

 

Neubeginn

 

Mit dem Umzug nach Köln 1990 sollte mein neues Leben beginnen. Beim SC Janus,  bis heute Europas größter queerer Sportverein, bekam ich während meines Sek.1 Studiums an der Uni Köln und an der Sporthochschule die Möglichkeit, als lizensierter Trainer wichtige praktische Erfahrungen zu sammeln, Gruppen zu unterrichten. Über die nächsten 10 Jahre baute ich eine kleine, dann stetig wachsende Schwimmabteilung für den Verein auf.

Mitte der 90er zogen wir SchwimmerInnen des SC Janus zur jährlich statt findenden Kölner CSD- Parade erstmals als „Schwanensee“ - Fußgruppe durch die Stadt. Kostümiert mit Schwan - Schwimmreifen auf dem Kopf, umgehängten Medaillen am Hals und Tutu`s um die Hüften waren wir ein phantastisches glamouröses Fotomotiv. Die Teilnahme an der CSD- Parade hatte einen wunderbaren Nebeneffekt, denn es war die schönste und beste Art von queerer „we are family“- Teamförderung.

 

1998, bei den Gay Games in Amsterdam, mit 15.000 TeilnehmerInnen aus 68 Ländern, sammelte der SC Janus als „Team Cologne“ 25 Medaillen, wovon die Schwimmabteilung den größten Anteil an diesem phantas-tischen Medaillen- Regen hatte.

 

Für das damals größte Szene- Magazin „FIRST“ durfte ich die Gay Games in einer großen 4- seitigen Fotostrecke dokumentieren, so dass auch Nicht- TeilnehmerInnen einen Eindruck gewinnen konnten, dass die Gay Games ein riesiges unvergessliches Event der Begegnung, des Austausches,  der Freundschaft, des Zusammenhalts und der Lebensfreude.

Meine Eltern bekamen von all dem nichts mit. Zu gerne hätte ich ihnen die Teilnahme- Medaille der Gay Games gezeigt. Wären sie endlich stolz auf mich gewesen? Wer weiß? Wahrscheinlich nicht! Die so wichtige Anerkennung meiner Eltern blieb aus. Bis heute. Warum nur?

 

 

Angekommen

 

Studium und Referendariat beendet, konzentriere ich mich nun schon seit über 18 Jahren als geouteter Lehrer an einer Kölner Gesamtschule auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.  Es ist nicht immer leicht, sich selbstbewusst zu geben und sich immer wieder Jahr für Jahr den neugierigen Fragen der Schülerschaft zu stellen, ob ich denn tatsächlich schwul bin, wie es überall getuschelt oder von Jahrgang zu Jahrgang weiter „vererbt“ wird. „Schwul“ zu sein ist nun mal immer noch das beliebteste Schimpfwort neben „Hurensohn“ auf unseren Schulhöfen.

 

Als Vertreter unserer Schule nehme ich an Fortbildungen wie z.B. im Jahr 2022 am Regionaltreffen Fachtag LSBTI für SOR- SMS Schulen zum Thema „Schule ohne Rassismus - Queerness in der Schule“ teil, um gestärkt notwendige Aufklärungsarbeit an unserer Schule zu fördern.

 

Aufklärungsarbeit fängt jedoch bei sich selbst an, fordert aber auch viel Kraft bei der Beantwortung der Frage, was für ein Lehrer man sein will? Von der Schulgemeinde fühle ich mich nach so vielen Jahren des Einstehens für „sich selbst“ gestärkt. Für KollegInnen, Eltern und SchülerInnen, für die ich inzwischen der „schwule Lehrer“ bin, der aber voll O.K. und lustig ist, bin ich der Ansprechpartner, an den man sich bei Bedarf vertrauensvoll wenden kann.

 

SchülerInnen, die sich im Prozess befinden, ihre „Identität“ zu entdecken und  Rat brauchen, wenden sich gerne an mich. 

 

Im theaterpädagogischen Unterricht des Faches Darstellen & Gestalten erarbeite ich mit meinen SchülerInnen in verschiedenen Jahrgangs- Kursen u.a. das Thema „Anderssein“.

 

Im Philosophieunterricht spreche ich mit jungen Schülerinnen über die Bedeutung der Farben des Regenbogens, stelle eine Verbindung zur Regenbogenflagge als Zeichen der LGBTQ+ Gemeinschaft her und versuche die positive Bedeutung von Vielfalt und Geschlechts-identität zu vermitteln. SchülerInnen für „geschlechtliche Vielfalt“ zu sensibilisieren, bereitet mir große Freude.

  

Miteinander ins Gespräch zu kommen, ist für mich der Weg der Aufklärung, um zum Teil bereits vorhandene Vorurteile abzubauen. Leider stoße ich zunehmend häufiger auf eine ablehnende Haltung von SchülerInnen gegenüber „diesen Themen“, was bedenklich ist.

 

Verständnis und Toleranz stößt gerade bei vielen jugendlichen SchülerInnen an Grenzen, die sich im Dilemma befinden, ob eine getätigte Äußerung eine Konsequenz mit sich bringt, die eventuell unangenehm für sie sein könnte.

Anstelle von Offenheit bestimmt Ablehnung die Bereitschaft, sich mit Fragen zur sexuellen Orientierung „öffentlich“ im Rahmen von Unterricht auseinander zu setzen. Die latente Gefahr, von MitschülerInnen als Reaktion direkt oder indirekt „diskriminiert“ zu werden, ist hier sicherlich ein entscheidender Faktor.

 

Wir befinden uns im digitalen Zeitalter. Mobbing und Diskriminierung, Homo- und Transphobie findet immer neue Wege, um das Ziel größtmöglichster Verletzung zu erreichen. Die Tendenz von Beleidigungen und Beschimpfungen steigt spür- sicht- und hörbar schon in Klassenzimmern trotz Anwesenheit von LehrerInnen.

 

Für die Unterstützung von Sozialarbeit vor Ort, psychosozialem Dienst oder dem Erreichen von selbstverpflichtenden Siegeln wie „Schule gegen Rassismus“, braucht es m.E. mehr Engagement vor allem durch zusätzliche Fördermittel, damit „Vielfalt an Schule“ keine Angst haben muss.

Lesbische, schwule, bisexuelle und trans- SchülerInnen  dürfen keiner psychischer oder physischer Gewalt an Schulen ausgesetzt werden. Hier ist jede/r  als einzelner Teil der Schulgemeinde aufgefordert, nicht weg zu schauen, wenn Diskriminierung vor den eigenen Augen stattfindet.

 

Hinschauen und verantwortungsvoll handeln ist positiv und sollte von Schule aus belohnt und vorgelebt werden. 

 

Lasst uns den „Traum von der offenen diversen Schule“, in der sich jede/r in seiner und ihrer Identität wertgeschätzt fühlt, nicht aufgeben. Entwickeln wir als Leitfaden ein positives Menschen- und Familienbild. Auch durch eine gemeinsame Haltung gegenüber Menschen, die nicht bereit sind, anzuerkennen, wenn ihr eigenes Kind auf Grund der sexuellen Orientierung nicht den eigenen Vorstellungen entspricht.

 

Sich nicht von der Familie geliebt zu fühlen, ist das Schlimmste, was man einem Kind antun kann. Eltern tragen Verantwortung dafür, ihr Kind so zu behandeln, dass es garantiert kein traumatisches Erlebnis erfahren muss. Jedes Kind hat ein Recht auf Schutz! Tun wir alles, um diesen Schutz an Schule zu gewährleisten.

 

Ich werde auf jeden Fall alles dafür geben, dass das Outing eines jungen Menschen keine seelischen Risse bei ihm hinterlässt. Ein Coming Out ist doch ein Beweis des Vertrauens, worauf Eltern stolz sein sollten. Das ist Liebe! Erst letzte Woche hat ein 14 jähriger Schüler unserer Schule, der sich mir noch zweifelnd anvertraut hatte, seinen türkischen Eltern gegenüber erklärt, dass er auf Jungs steht. Er hatte das Bedürfnis, es ihnen unbedingt sagen zu wollen. Seine Eltern, so berichtete er, hätten ihn in den Arm genommen und ihm gesagt: „Alles ist gut!“

 

PS: Inzwischen bin ich stolz genug, zu mir zu stehen. Meine Eltern können es bis heute nicht. Meinem Vertrauenslehrer habe ich meinen Weg zu verdanken. Ohne seine Unterstützung hätte ich mein Abitur nicht geschafft. Der SC Janus hat mir gezeigt, dass füreinander Einstehen wichtiger ist als jeder Rekord. Man darf anders und queer sein, man fühlt sich akzeptiert und aufgehoben. Das ist, was zählt. Du bist nicht allein und ich bin gerne für dich da. 

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