Das Schicksal ist immer noch ein mieser Verräter

 

oder Fortuna`s Blindflug in die Katastrophe  (1999 - 2004)

 

Chronologie einer gescheiterten Beziehung zusammengefasst in zwei e-mails und einer zeitlichen Raffung der letzten 20  Jahre. Gedanken an eine junge wilde Zeit mit meinem damaligen Freund Bodo.

 

 

2001:  Ausschnitt einer e- mail an den besten Freund, der 2000 nach Melbourne / Australien gezogen ist, um dort seinen Traum von einem Leben mit seinem neuen Partner an seiner Seite in einem Haus am Meer zu leben.

 

 

… Mit Bodo läuft auch im zweiten Jahr alles super. Fast zu lange hat es gedauert, sein kleines Mini - Häuschen mit Garten und Rasenmäher irgendwo in der Pampa aufzugeben. Doch gerade noch rechtzeitig hat ihn mein großes Heimweh überzeugt und nun erfüllen wir uns unseren Traum vom Leben in der Stadt. Die neue Wohnung ist traumhaft schön und riesig groß. Natürlich oberste Etage. ;) Wenn wir aus den fünf Fenstern des Wohnzimmers schauen, haben wir den riesigen alten friedlichen Friedhof direkt vor uns. Abends ist er von zahllosen Grablichtern erleuchtet und erzeugt eine ganz besondere Stimmung, die es leicht macht, den ganzen Stress der Vergangenheit schnell vergessen zu lassen. Endlich kehrt Ruhe ein, was uns beiden gut tut.

 

 

 

Während Bodo für die handwerklichen Reparaturen zuständig ist, bringe ich mit einfachen Mitteln ein bisschen Ästhetik und Witz hier rein. Mit den Nachbarn klappt es bislang auch ganz gut. Leider „beschweren“ sich die Leute, wenn es mal wieder wegen der vielen Freitag- Warm Up Partys bei uns etwas zu laut wird (grins). Endlich ist wieder Leben in der Bude. So super!

 

 

 

Auch wenn wir das Thema Heirat nicht weiter erläutern, planen und festigen wir inzwischen unsere gemeinsame Zukunft. Da ich ja Ende Januar 2002 meine beruflichen Zelte mit Ende des Refrendariats in Neuss- Büttgen endlich abreißen kann, haben wir uns entschieden, eine gemeinsame Firma zu gründen. Rat mal, wie sie heißt: „USE - Unternehmensberatung Stüve/Erhardt“! (hört sich professionell an, oder? Die Idee kam von ihm - kicher) Wir kommen gerade von der Bank und haben ganz problemlos den Kredit bekommen.

 

 

 

Ehrlich gesagt ist mir das relativ egal, wie die Firma heißt und was ich da unterschrieben habe, aber Bodo findet es wichtig, damit wir u.a. unsere Zukunft auch so finanziell sichern können. Er hat mir zugesagt, dass ich durch die Firma endlich aus dem finanziellen Loch rauskomme und wir in spätestens sieben Jahren nach seinem Plan aus dem Minus raus sind. Ich vertrau da ganz auf ihn.

 

Die Aufgaben bei der Firma sind klar verteilt: Bodo arbeitet und ich bekomme hin und wieder Aufträge von ihm zugeschustert, in denen ich mich künstlerisch wiederfinde. Ich hab auch schon direkt ein spannendes Projekt von ihm zugewiesen bekommen.

 

 

 

Als Texter bin ich für das Umformulieren einer Werbebroschüre zuständig. Für Januar habe ich dann den Auftrag, an einem Tag vier bis sechs Direktoren oder Manager durch ein Improvisationstraining fit für die Kamera zu machen. Im Grunde bin ich dann so eine Art personal warm- up(per). Das sind, wenn alles klappt, 1000 Euro cash auf die Kralle. Geil, was ! ;)

 

 

 

Naja, und wie es dann ab Februar weitergeht, weiß ich ehrlich gesagt auch noch nicht so richtig. Der andere Grund, diese Firma zu gründen, liegt darin, so Bodo, dass ich dann endlich meinen Beamtenstatus verliere und so keine Pflicht mehr habe, in der privaten Krankenkasse zu sein, was wohl besser für mich sein soll. Du siehst, es läuft!

 

 

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2004: Bodo`s reagierender Abschiedsbrief nach der Trennung

 

Momentan bin ich sehr traurig und fühle mich verletzt. Wieso nur, bist du so hart zu mir? Mir rasen viele Gedanken durch den Kopf, vielleicht schreibe ich sie einfach mal auf, ohne sie zu ordnen:

 

Es macht mich traurig zu sehen, wie Du es offensichtlich nicht schaffst, die jüngste Vergangenheit ruhen zu lassen. Warum musst Du immer wieder den Kredit zum Anlass nehmen und so gewaltige Aussagen treffen wie, dass ich für meine Fehler allein gerade stehen muss und nicht andere dafür BLUTEN lassen darf!

 

Es macht mich umso trauriger, Dich so verhärmt zu sehen. Dass du dich von mir entfremden willst, macht mich hilflos und ich sorge mich ernsthaft um dich. Das Thema „keine Kohle“ und „Kredit & Zinsen“ sollte doch nur zu gut „durchgekaut“ sein. 100 Mal habe ich dir die Umstände erklärt, ohne Weiterentwicklung des Nachvollziehens deinerseits. Warum belässt Du es nicht dabei und zahlst einfach Deine 200 Euro regelmäßig ab, ohne mich zwingen zu müssen, es von dir Monat für Monat zu erbitten.

 

Ich denke, da steckt eine große Emotion in Deinem Bauch, die Du nicht verarbeiten kannst. Es ist doch nicht nötig, immer wieder dieses Thema auf so eine verletzende Art hervor zu holen. Das bringt uns nicht weiter und letztendlich ist das ja auch der traurige Grund, warum wir uns getrennt haben: Geld, das dringend an die Bank zurück gezahlt werden muss! Auch von dir! Schließlich haftest du zu 50 % an der Firma, was dir doch von Anfang an klar war, auch wenn du immer noch daran fest hälst, davon nichts gewusst zu haben.

 

Ich würde mir für unsere zukünftigen Begegnungen wünschen, dass Du mir auch einmal mit wirklich netten und schönen Worten begegnest. Wir wollten uns doch immer gegenseitig bereichern, oder? Auch wenn wir nun kein Paar mehr sind, ändert das doch nichts an den guten Gedanken für Dich und der Fürsorge um Dich, die ich immer in mir tragen werde.

 

 

Ich bin in den letzen Jahren immer mehr als großzügig gewesen, habe Dir fast jeden Wunsch erfüllt. Umso mehr verletzt es mich und stimmt mich wirklich traurig, mich für den Schuldenberg alleine verantwortlich zu machen. Fühlst Du dich persönlich besser, wenn Du mich so mit Vorwürfen verletzt? Wenn Du wirklich solche bitteren Gedanken in Dir trägst, dann behalte Sie doch einfach für Dich, aber erzähle bitte nicht anderen davon, was für ein schlechter Mensch ich sei, denn das bin ich nicht.

 

Trotz der von dir ausgesprochenen Trennung, habe ich Dich trotzdem lieb und Sorge mich weiter um Dich. Keiner konnte damals ahnen, dass die laufenden Kosten so schnell aus dem Ruder laufen und zur Notbremse führen. Gibt es eine Zukunft? In fünf Jahren haben wir gemeinsam den Kredit abbezahlt. Lass uns das, was uns noch an Schönem bleibt, nicht auch noch Stein für Stein demontieren, wir haben uns getrennt, damit genau dieses nicht passiert. Und vielleicht gibt es dann ja doch ein Morgen.

 

 

2005 -

 

Kurz nach der verletzten „Aus der Traum- Trennung“ kehrten wir uns für immer den Rücken. Ich ging direkt in meinen alten Job zurück und wurde zunächst für 2 Jahre auf Stundenbasis Hauslehrer auf der Kinderkrebs- Station der Uniklinik Köln und der Kinderklinik Amsterdamer Straße, um dann später an einer Montessori Schule den sicheren Beamtenstatus auf Lebenszeit in Vollzeit und wieder erlangter Freiheit zu erreichen.  Über einen zweijährigen zusätzlichen Wochenend- Marathon in Bonn erarbeitete ich mir noch das passende „Hilf dir, es selbst zu tun“ – Diplom mit Applaus, nur um meinen Unabhängigkeits - Status und mein Berechtigungsdasein an einer Brennpunktschule zu festigen, die dich sämtlicher Energien beraubt und dich am Menschsein mühlenartig verzweifeln lässt, dir aber die Möglichkeit gibt, Hoffnung zu säen, Selbstzweifel zu zerstreuen und manchmal jugendliche Selbstwerdung positiv zu fördern und Mitmenschlichkeit zu ernten.

 

 

 

Aus der Nummer mit dem Kredit kam ich damals nicht raus, da blind und verblendet. Irgendwann, Jahre später, hatte ich meinen Anteil abbezahlt und ich schwor innerlich, eines Tages Rache an ihm, dem Verbrecher, zu nehmen und ihm nachts anonym eine tote schwarze Ratte in den Briefkasten zu werfen.

 

 

 

Leben taten wir weiterhin getrennt in derselben Stadt, doch wir kannten uns nicht mehr. Nie wieder würde ich einem „Freund“ trauen können. Was aus Bodo wurde? Diese Frage wurde nicht wirklich gestellt. Die weiteren 17 Jahre sprachen wir nie wieder ein Wort miteinander.

 

 

 

 

 

2022

Die Antwort kam 17 Jahre später über Social Media. Eine zufällig entdeckter Post über den Verlust eines geliebten Menschen erreichte mich nichts ahnend und brachte dann die schnelle Gewissheit durch ein genaueres Hinsehen auf ein hinzugefügtes Bild, dass es Bodo ist, der gestorben war. Einfach tot? Einfach so? Fragen, auf die ich später klärende Antworten durch seinen letzten Wegbegleiter bekommen sollte.

 

 

 

Tsunami der Gedanken. Plötzlich ist alles wieder da. Meine Bilder unserer Beziehung. Das sich zurück Erinnern, auch an die sehr verschütteten guten Momente der Innigkeit. Aber auch der Wunsch, endlich zu vergessen und sich zu vergeben verbunden mit der Wahrheit des eigenen Schuld- Anteils.

 

Diese Beziehung ist nun Geschichte. Ohne Fortsetzung. Ausgelöst durch ein plötzliches Ende, was ich zum zweiten Mal nicht habe kommen sehen.

 

 

 

Niemandem wünscht man, dass mit der Gewissheit einer ärztlichen Diagnose der letzte Lebens-abschnitt eingeleitet wird und nur noch drei Monate Zeit bleiben, um sich auf das vorzubereiten, was unausweichlich geschehen wird. Ein surrealer Abschiedsweg, den man geht, ohne wirklich zu glauben, dass er für immer ist. Will oder kann man da loslassen, wo man doch eigentlich festhalten will?

 

Die Gedanken werden leerer und trösten nicht wirklich.

 

 

 

„Die Zeit heilt alle Wunden“ und nun ist die Zeit gekommen, um in Gedanken still „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Er soll friedlich eingeschlafen sein, sterben wollte er nicht. Er wollte leben, doch das Schicksal ist bekanntlich immer noch ein mieser Verräter.                     

 

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